1945...

...der Neuanfang.

8. Mai 1945 – die Waffen schweigen. Deutschland liegt darnieder, die großen Städte ausgebombt, Hunderttausende evakuiert, Millionen Menschen auf der Flucht. Alles gesellschaftliche Leben ruht. Auch die Sportbewegung ist erstarrt. So mancher junge Sportler hat sein Leben für eine Wahnsinnsidee hingegeben oder darbt noch in den Gefangenenlagern der Sieger.
Nachdem die britische Militärregierung im Herbst 1945 die Gründung von Sportvereinen samt Turn- und Spielbetrieb wieder zugelassen hatte, gab es auch in Grastrup und Retzen die ersten Versuche, das sportliche Leben im Verein wieder zu erwecken. Dazu mussten manche Hindernisse beiseite geräumt werden; Fragebögen über eine möglichst nazifreie Vergangenheit ausgefüllt und Toleranz und Sportsgeist vorgelebt werden.

Im Oktober 1945 ist dann in einer Versammlung bei Adolf und Martha Rickmeyer in Retzen die neue Vereinsgründung erfolgt. Aus den ehemals selbständigen Vereinen Arbeitersportverein Fichte Grastrup und dem Turn-verein Retzen entstand der heutige Jubilar TuS Rot-Weiߓ Grastrup-Retzen.

Als Initiatoren haben maßgeblich mitgewirkt die Sportkameraden Heinrich Schlingmann, Gustav Schormann, Ernst Schlinkheider, Karl Hörentrup und Erich Quentmeier. Heinrich Schlingmann wurde zum ersten Vorsitzenden des neuen Vereins gewählt. Dieses Amt hat er bis 1948 ausgeführt, um sich dann um so mehr seiner Aufgabe als Kreisschiedsrichterlehrwart zu widmen. Karl Hörentrup wurde zweiter Vorsitzender und Gustav Schormann kümmerte sich um die Finanzen; sicherlich ein schwieriges Amt, das er 18 Jahre, bis 1963, vorbildlich ausgeübt hat. Um den Wiederaufbau der Handballabteilung kümmerte sich Erich Quentmeier.

Vom ehemaligen Retzer Sportplatz hinter der Schule am Wockenbrinkweg wurde endgültig Abschied genommen; die Fläche wurde zum “Gottesacker” umgestaltet und dient heute den ehemaligen Gemeinden Retzen, Grastrup und Papenhausen als Friedhof.

Der Kreismeister in der Spielzeit 1948/49 nach dem mit 7 : 3 Toren gewonnenen Spiel am 13.2.1949 in Lockhausen. Die Spieler (von links) stehend: Willi (Tingo) Stock, Erich Bicker, Rudolf Fritz, Heinz Wilkenloh, Ludwig Kuckelkorn und Betreuer Albert Bicker. Mittlere Reihe (knieend): Heinz Wilmbusse, Albrecht Schmidt und Heinz Stock.

Dagegen wurde der Sportplatz hinter dem Grastruper Krug mangels öffentlicher Sportförderung in Eigenleistung spielfähig gemacht. Die Turnabende fanden auf dem Saal Rickmeyer statt.

Willi Kullack wurde Vorturner der Männerriege, eine Damenriege war im Entstehen. Der neue Verein hatte 160 Mitglieder, neben Handball und Turnen gab es eine Faustballmannschaft, die von Lehrer Willi Schlüter geleitet wurde.
(Die Begriffe trainieren oder coachen gab es ja noch nicht).

Um die neu gegründete Leichtatletik- und Schwimmabteilung kümmerte sich Lehrer Willi Spellmeier. Das Trainingsgelände zum Laufen, Springen, Werfen etc. war eine grüne Wiese und anstatt im Freibad wurde an der Brockschmiede in der Bega bzw. im Rottteich Schwimmunterricht erteilt.

Dominierend allerdings war und blieb die Handballabteilung, die schnell an die gewohnte Vorkriegsstärke anschließen konnte und mit Mannschaften wie TBV-Lemgo, TuSG-Lage oder TSV-Detmold zum fairen Kräftemessen antrat, wobei der vermeintlich kleine David den großen Goliaths manches Bein gestellt hat.

Die letzte Vorkriegsserie 1939 hatten die damaligen Schwarz-Weißen Grastruper als Kreismeister abgeschlossen, aber bedingt durch die neue Vereinsgründung musste die erste Mannschaft des neuen Vereins in der 1. Kreisklasse den Spielbetrieb aufnehmen. Die zuvor genannten Vereine durften gleich in der Bezirksklasse starten. Von 1946 bis -48 waren die Grastruper Handballer jeweils Vizemeister im Kreis Lemgo. Erst 1949 gelang der Aufstieg in die Bezirksklasse.

In dieser Klasse konnte sich die Mannnschaft gut behaupten und schaffte in der Spielzeit 1953/54 den kampflosen Aufstieg in die Landesliga, der damaligen zweithöchsten Spielklasse überhaupt, da die Bezirksklassen und Gauligen aufgelöst wurden.

Auch die übrigen Mannschaften waren in dieser Spielzeit ausserordentlich erfolgreich. Die zweite Garnitur mit den bekannten Vorkriegsspielern Heinrich Hartwig (Hanomag), Gustav Schormann, Ernst Griemert, Ernst Grauwinkel und Hugo Eggering wurde Meister in der 2. Kreisklasse und schaffte den direkten Aufstieg. Und ganz erfreulich: Die Jugendmannschaft errang den Titel im Kreis Lemgo! Bei den Titelkämpfen um die OWL-Meisterschaft wurde sie nur von der TuSG-Lage besiegt. Großartige Erfolge für einen kleinen Verein!!

Maßgeblichen Anteil am Erfolg hatten neben den Spielern hier sicherlich der neue Vorsitzende Gerhard Rieger und Handballobmann Walter Bergmann Doch der Höhenflug währte nicht lange. Im folgenden Jahr mussten fünf Mannschaften die Klasse verlassen, und man fand sich in der Lippeliga A (Lemgo) wieder.

Hatten in den Jahren 1948 bis -53 Spieler wie Albrecht Schmidt, Erich Bicker, Torwart Fritz Schormann, Rudolf Fritz, Heinz Wilmbusse oder Willi (Tingo) Stock den Verein weit über Lippes Grenzen hinaus bekannt gemacht – die Spieler Stock und Schmidt auch als Auswahlspieler – wuchsen Mitte der fünfziger Jahre, aus kontinuierlicher Jugendarbeit aufgebaut, neue Talente heran. Schon Ende der Feldserie 1955 mußte gegen den punktgleichen TV-Großenmarpe/E. auf neutralem Geläuf in Lemgo ein Entscheidungsspiel um die Ligameisterschaft ausgetragen werden, das unsere Mannschaft mit 12 : 8 Toren gewann.

Das Spiel um die Kreismeisterschaft gegen den Gruppensieger B, den TV-1860 Detmold wurde mit 11 : 6 Toren verloren. Leider wurde die Rückkehr in die Landesliga in den Aufstiegsspielen gegen Einigkeit Herford, Friesen Milse, Dankersen II. und VFL Herford verpasst.

Was passierte noch in 1955? Gustav Meier wird erster Vorsitzender und löst den nach Köln verzogenen Gerhard Rieger ab. Der Verein feiert vom 6. bis zum 14. August sein 30-jähriges Jubiläum. Der Sportplatz wird in Eigenleistung des Vereins überholt, bekommt neue Tore, und eine Umzäunung. Die Gemeinden Retzen und Grastrup/Hölsen übernehmen Kosten von 1.600 DM. Man knüpft an die Vorkriegstradition an und gründet eine Theatergruppe, auch, um die schlechte Einnahmesituation des Vereins zu verbessern.

Gespielt wurde auf Rickmeyers Saal, Kulissen waren aus Vorkriegszeiten noch vorhanden. Lehrer Paust, schon seit einem Jahr als Schülerwart in die Vereinsarbeit eingebunden, wurde Chef der Truppe, von denen noch heute zwei Spieler mit großen Erfolg bei der Retzer Bühne mitwirken.

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